Quer durch den Hafen

 Veröffentlicht von am 25.02.2014
Feb 252014
 

22_CTT_Tollerort_HamburgDas Herz Hamburgs schlägt im Hafen. Umschlagsplatz für Waren aller Art, Arbeitsplatz vieler Hamburger, Standort moderner Technik und Museum der traditionellen Seefahrt – der Hafen ist ein faszinierender Ort. Ausgerechnet hier zwischen Schuppen, Kranen, Bahnanlagen und Containerplätzen ist in den letzten Jahren ein recht ordentliches Radwegnetz entstanden. So satteln wir an einem sonnigen Samstagmorgen die Drahtesel und radeln kurz darauf durch ein Vélorevier, das in Deutschland wohl einzigartig ist.
Ganz nebenbei folgen wir auch noch der Spur von „Hamburgs Brücken“, auf die ich im Folgenden immer wieder verweise.

Veddel

01_Veddel

Ausgangspunkt der Tour ist die S-Bahn Station Veddel. Die Station liegt über der „Müggenburger Durchfahrt“, einem schmalen Kanal, der hier die Grenze zwischen den Elbinseln Veddel und Wilhelmsburg bildet. Mit dem Lift gelangen wir auf der Wilhelmsburger Seite hinab zur Harburger Chaussee und unterqueren zunächst die Bahngleise. Unmittelbar hinter den Bahnbrücken fahren wir rechts auf den Deich. Hier stand bis Anfang 2013 noch der Zollzaun, der den Zugang zum Freihafengebiet abriegelte. Mit der Auflösung des Freihafens zum 1. Januar 2013 wurde der Zaun überflüssig und auf Länge des Deichs komplett abgebrochen.

Wasserkreuz

02_Niedernfelder_Brücken

Auf der Deichkrone halten wir uns zunächst rechts Richtung Bahntrasse und biegen dann links auf die Müggenburger Brücke ab. Das Müggenburger / Niedernfelder Brückenensemble » wurde in den Jahren 2008 bis 2011 komplett erneuert. Die Hamburg Port Authority (HPA) favorisierte zunächst eine Variante, die baufälligen Brücken aus den Jahren 1915 – 1917, durch Dämme zu ersetzen. Letztlich konnte aber der Neubau der markanten Bogenbrücken durchgesetzt und der Fortbestand des Wasserkreuzes an der Veddel sichergestellt werden.
Die neuen Brücken erhielten dann auch einen Rad- und Fußweg, der nun den Rundweg um den Spreehafen vervollständigt.

Spreehafen

03_Spreehafen_Hamburg

04_Niedernfelder_BrückenVon den Brücken aus hat man einen herrlichen Blick auf das Becken des Spreehafens. Ein Blick, der in den letzten Jahren vermehrt städteplanerische Phantasien beflügelt hat. Nach Wegfall der Zollgrenze und besonders im Zuge der Internationalen Bauausstellung (IBA) wurde hier immer wieder von einer „neuen Alster“ im Hamburger Süden geträumt. Die Ideen reichen von Hausbootsiedlungen bis zu einem Park der Religionen auf der Spreehafeninsel. Vom Norden drängt die Hafencity in den östlichen Hafenbereich und das Konzept vom „Sprung über die Elbe“ macht die Runde (dabei ist dieser Sprung lt. Geschichtsbuch bereits 1937 erfolgt).
Von den Einwohnern Wilhelmsburgs wird diese Entwicklung derweil skeptisch verfolgt, die Angst vor Gentrifizierung wächst. Allein die Port Authority setzt derzeit solchen Planspielen Grenzen. So wird die Spreeinsel wohl auf absehbare Zeit keine spirituelle Parkanlagen beherbergen, sondern als Hafenerweiterungsfläche vorgehalten. Mit dem Bau der geplanten Hafenquerspange, einer vierspurigen Autobahn im Süden Hamburgs dürften auch die östlichen Hafengebiete und Wilhelmsburg für Industrie und Hafenwirtschaft an Attraktivität gewinnen.

Hafenbahnhof

05_Hafenbahnhof_Hamburg-Süd

Und damit sind wir dann auch im Hafen angekommen, genauer gesagt am Hafenbahnhof Hamburg-Süd. Auf einer Länge von mehr als 2 Kilometern erstrecken sich die Gleisfelder des großen Verschiebebahnhofs der Hafenbahn. Bereits in den 1880er Jahren wurden hier Gleisanlagen gebaut, um ankommende Züge zu zerlegen und im Hafengebiet zu verteilen und eingetroffene Schiffsladungen von den einzelnen Schuppen zu Zügen für den Weitertransport ins Hinterland zusammenzustellen.

06_Hafenbahnhof_Hamburg-Süd07_Hafenbahnhof_Hamburg-Süd08_Hafenbahnhof_Hamburg-Süd09_Hafenbahnhof_Hamburg-Süd

Die Hafenbahn selbst verfügt abgesehen von ein paar Fahrzeugen für Gleisbau und Instandhaltung über keinen nennenswerten Fahrzeugpark. Sie stellt vielmehr die Gleisinfrastruktur bereit und regelt den Betrieb der einzelnen Bahnunternehmen, die im Hafen ihre Transportleistungen anbieten. War es früher vor allem die DB, die hier fuhr, so sind seit der Liberalisierung des Bahnverkehrs im Jahre 1994 mehr als einhundert Bahngesellschaften auf dem Netz der Hafenbahn unterwegs. Selbst Schweizer Lokomotiven werden hier regelmäßig gesichtet. Den Rangierbetrieb in Hamburg-Süd übernimmt allerdings zu großen Teilen die DB.

10_Hafenbahnhof_Hamburg-Süd

Zwischen der mannshohen Spundwand, die den Bahnhof bei Sturmflut schützt und Bahngleisen radeln wir am Niedernfelder Ufer Richtung Westen bis zum Stellwerk. Dort fällt das markante weiße Gebäude mit dem prägnanten Solardach auf. Es wurde als Büro- und Sozialgebäude der Hafenbahn 2010 fertig gestellt.

Spreehafeninsel

11_Brandenburger_Brücke

Wir verlassen den Kleinen Grasbrook und überqueren den Veddelkanal über die Brandenburger Brücke », um auf die Spreehafeninsel zu gelangen. Hier befindet sich der Betriebshof der Hafenbahn. Zwischen Gleisanlagen und alten Hafenschuppen wirkt das 2013 fertiggestellte moderne Bürogebäude der Hafenbahn wie ein Fremdkörper. Das Gebäude ist als Passivhaus konzipiert und verfügt u.a. über Wärmepumpen. Es wurde als IBA-Projekt realisiert und ersetzt das bisherige Verwaltungsgebäude. Von letzterem ist die denkmalgeschützte Fassade erhalten geblieben.

12_Spreehafeninsel_Hamburg

Entlang des Anschlussgleises der Hafenbahn fahren wir auf der Brandenburger Straße zunächst nach Westen und biegen nach rechts in nördliche Richtung auf die Klütjenfelder Straße ab. Über die Veddelkanalbrücke » verlassen wir die Spreehafeninsel und gelangen wieder auf den Kleinen Grasbrook. Vor uns erhebt sich die größte Steigung der Tour, der Klütjenfelder Viadukt.

13_Spreehafeninsel_Hamburg14_Spreehafeninsel_Hamburg15_Spreehafeninsel_Hamburg16_Veddelkanalbrücke

Radwegbrücke

17_Viadukt_Ellerholzschleuse_Radwegbrücke

18_17_Viadukt_Ellerholzschleuse_RadwegbrückeÜber Hamburgs Radwegnetz gibt es nachwievor eher selten Positives zu berichten. Da überrascht es umso mehr, dass ausgerechnet die HPA ein gutes Händchen für Radwege zu entwickeln scheint. 2010 wurde in schwindelnder Höhe ein Weg an den Viadukt an der Klütjenfelder Straße » im wahrsten Sinne des Wortes angehängt. Die lange Rampe bewältigt man dank eines pfiffigen Stufenkonzeptes aus Steigungen und Erholungsstrecken recht mühelos.
19_Viadukt_Ellerholzschleuse_RadwegbrückeDer Ausblick über den Hafen ist grandios, während man in luftiger Höhe Bahnstrecken und Straßen des Verkehsknotens an der Argentinienbrücke überquert und unter einem der Schwerlastverkehr entlang rumpelt.
Die Brücke ist Teil der Veloroute 11 » und ein wichtiger Lückenschluss zwischen der Innenstadt und Wilhelmsburg. Soviel Komfort ist man als Radfahrer in Hamburg eher selten gewohnt. Dass ausgerechnet eine Hafenbetriebsgesellschaft vormacht, wie man im 21. Jahrhundert urbane Fahrradinfrastruktur gestalten kann, ist zumindest bemerkenswert.

auf Steinwerder

20_Ellerholz-Eisenbahnbrücke

Nach einem Blick auf den Anleger „Argentinienbrücke »“ und das „Goldene Kalb“, das auf dem alten Brückenpfeiler Richtung Innenstadt peilt, erreichen und überqueren wir den Reiherdamm und biegen nach links auf die Argentinienbrücke ab. Wir überqueren eine weitere Wasserstraße, den Reiherstieg und gelangen so nach Steinwerder. Hier folgen wir dem Verlauf des Reiherdamms zunächst nach Westen und dann nach Norden. Links, im Westen erheben sich die unzähligen Containerbrücken, der modernen Hafenterminals CTT, CTB und Eurokai. Wie schon im „Cap San“-Artikel beschrieben, hat die Einführung der Standardcontainer den Güterverkehr seit den 70er Jahren grundlegend verändert. Die alte Hafeninfrastruktur hat weitgehend ausgedient und neue Terminals mit immer weiter automatisiertem Betrieb waren und sind eine echte Herausforderung für Hafen und Stadt. So gibt es z.B. aufgrund der kurzen Liegezeiten kaum noch Seeleute, die Zeit für einen Bummel durch St. Pauli haben. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass Hamburg mehr und mehr das Kreuzfahrtgeschäft forciert und den Tourismus gezielt fördert, auch wenn das natürlich nicht dasselbe ist…

21_Argentinienbrücke_Goldenes_Kalb_Hamburg22_CTT_Tollerort_Hamburg23_CTT_Tollerort_Hamburg24_Container_Steinwerder

25_Agrar Terminal26_Getreidesilos_Hafen_Hamburg27_Werftgelände_Blohm_und_Voss_hamburg28_Blohm_und_Voss_Krane

St. Pauli Elbtunnel

29_Blick_auf_Hamburg_St_Pauli

Am Ende des Reiherdamms passieren wir das Werksgelände von Blohm & Voss, der letzten verblieben Hamburger Großwerft. Die blaugelben Werftkrane scheinen nach den Hochhäusern auf St. Pauli zu greifen, während vor uns das Liftgebäude des alten Elbtunnels in Sicht kommt. Nachdem wir pflichtschuldigst den obligatorischen Blick auf die Landungsbrücken geworfen haben, fahren wir mit dem Fahrstuhl die 23 Meter zum Tunnel hinab und radeln dann hinüber nach St. Pauli.
Der 1911 eröffnete Tunnel unter der Elbe ist eines der Wahrzeichen Hamburgs und wird derzeit aufwendig saniert. Daher ist momentan (Feb. 2014) nur die Weströhre geöffnet.
Der Tunnel ist allerdings auch ein unüberwindbares Hindernis für Schiffe mit mehr als 12 Metern Tiefgang und damit eine „natürliche“ Barriere für die ganz großen Containerschiffe. Damit ist er letztlich eine Ursache für den Bau der Hafencity im Osten des Hamburger Hafens.

30_Alter_Elbtunnel_Steinwerder31_Alter_Elbtunnel32_Alter_Elbtunnel_St_Pauli33_Hochbahnviadukt_Hafen_Hamburg

Fazit

Der neue Radweg durch den Hamburger Hafen ist nicht nur eine sehr empfehlenswerte Tourenstrecke, die reichlich Hafenluft schnuppern lässt, sondern auch eine wirklich schnelle und verhältnismäßig komfortable Verbindung zwischen der Innenstadt und Hamburgs Süden. Ein einigermaßen fitter Radfahrer hängt hier locker sowohl ÖPNV, als auch den PKW ab. Probiert es einfach mal aus.
Ein kleiner Tipp noch an dieser Stelle: Wer von den Landungsbrücken mit der U-Bahn weiter fahren will und keine Lust hat, den Drahtesel zur Hochbahnstation hinauf zu schleppen, sollte die 700m weiter östlich gelegene Station „Baumwall“ anfahren. Die ist barrierefrei ausgebaut und hat darum zwei wunderbare Glasaufzüge.

Quer durch den Hafen

 

 

  2 Antworten zu “Quer durch den Hafen”

  1. Ein sehr beeindruckender Bericht mit wunderschönen Fotos!
    Ich war bis jetzt in meinem Leben nur einmal auf der Veddel, aber nun werde ich meine nächste Radtour dort machen!
    Dein Bericht ist ansteckend 😉

    Liebe Grüße von Kirsten

    • Hallo Kirsten,

      direkt an der S-Bahn Station Veddel liegt übrigens auch das äußerst sehenswerte Auswanderer Museum, das man in so eine Tour auch noch gut mit einplanen kann.

      danke fürs Vorbeischauen und viele Grüße!

Kommentare sind derzeit nicht möglich.

%d Bloggern gefällt das: