Der lange Weg zum Blog #1

 Veröffentlicht von am 04.03.2014
Mrz 042014
 

Wenn ich heute schnell einen Artikel in mein WordPress-CMS tippe und dazu ein paar Fotos „uploade“, dann ist das ungefähr so einfach, oder kompliziert, wie Auto zu fahren. Dabei ist die Technologie, die wir dazu nutzen, noch so jung, dass die meisten Meilensteine vom „Heimcomputer“ bis zum WordPress-Blog bequem in den Zeitraum meiner bisherigen Lebensspanne passen. Ich nehme euch heute mal mit ins Jahr 1986. Dort lag meine persönliche Stunde Null des Computer Zeitalters. Es war für mich der erste Schritt zum Blog…

TI99/4A – der erste Kontakt

Mein erster PC war nach damaliger Nomenklatur gar kein richtiger PC, also „Personal Computer“, sondern ein „Home Computer“ (hierzulande auch „Heimcomputer“), eine Kategorie, die es heute so nicht mehr gibt.
Edel sah er schon aus, der TI99/4A, wie er in seinem gediegenen Gehäuse aus gebürstetem Aluminium daher kam. Die Tastatur war, wie bei den damaligen Heimcomputern üblich direkt in das flache Gehäuse eingelassen und hatte selbstverständlich QUERTY-Layout. Umlaute fehlten und wurden einfach per angehaengtem „e“ ergaenzt, „dass“ schrieb man auch ohne Rechtschreibreform mit doppeltem „s“.

Sein Herz und Namensgeber war der TMS9900 Prozessor, der in seinem Inneren mit einem gemütlichen Takt von ca. 3 MHz vor sich hin pochte (Mega, nicht Giga…). Immerhin war er im Gegensatz zu vielen anderen PCs seiner Zeit schon 16Bit breit.
Als ich den Rechner um 1986 als Leihgabe unter die Finger bekam, hatte Texas Instuments die Produktion des Gerätes bereits wieder eingestellt. Jack Tramiels legendäre „Brotdose“ und die ebenfalls recht erfolgreichen Atari Home Computer hatten den TI99 gnadenlos abgehängt. Die Schuld bei Herrn Tramiel zu suchen, greift aber nun doch etwas zu kurz. Einer der Hauptgründe für das Scheitern des 99ers ist wohl sein unglaublich umständliches Systemdesign, welches die grundsätzliche Überlegenheit einer 16Bit Maschine gegenüber ihren 8bittigen Konkurrenten leider ziemlich komplett aufgehoben hat.

besser als Lochkarte?

Mein persönlicher „Neunundneunziger“ hatte leider noch einen weiteren kleinen Fehler, es fehlte jegliche Art von Massenspeicher. Der Vorbesitzer hatte auf so etwas luxuriöses, wie ein Diskettenlaufwerk, oder wenigstens eine Datasette verzichtet (eine Festplatte gab es zum TI99 ohnehin nicht), deshalb war die Methode, ein Programm auf meinem Exemplar zum Laufen zu bringen eine simple, aber enervierende Prozedur: Das Abtippen von BASIC-Listings.

Was ist ein BASIC-Listing? Da stellen wir uns mal janz dumm und stellen uns einen Stapel dicht bedruckten Papiers vor… Damals war so gut wie jeder Home Computer mit der Programmiersprache BASIC ausgestattet. (Un-) praktischerweise gab es zu jedem Modell eigene BASIC-Dialekte, die zueinander nicht kompatibel waren. Beim TI99 hieß die Sprache konsequenterweise „TI-BASIC“.

Tatsächlich existierten in den 80ern für fast jeden Home Computer Typ eine, oder mehrere Zeitschriften, die in der Regel monatlich erschienen. Sie enthielten neben Bastel- und Lötanleitungen auch seitenweise Ausdrucke von BASIC-Programmen, die besagten Listings.
Hatte man es geschafft, so ein Listing in mehrstündiger Arbeit per Tastatur einzugeben und alle Tippfehler beseitigt, so wurde man nach der Eingabe des RUN-Kommandos mitunter mit einem laufenden Programm belohnt. Es sei denn, Mutter hatte in einem Anflug von Ahnungslosigkeit den Netzteilstecker des Rechners durch den Netzteilstecker eines Bodenreinigungsgerätes ausgetauscht…

und das Web?

Was das Internet betrifft, das war zu jener Zeit noch Stückwerk. Gerade begann man, die weltweit verstreuten Einzelnetzte per NFS-Backbone zu verbinden. DE-NIC wurde in diesem Jahr eingerichtet, also die Organisation, welche die „.de“ Domänen verwaltet. Das World Wide Web hingegen gab es schlicht und ergreifend noch nicht.

Äpfel und Birnen

Auch wenn es etwas unfair und technisch ungenau ist, Äpfel mit Heimcomputern zu vergleichen, ich tue es mal, um die ungefähren Dimensionen zu veranschaulichen

TI99/4A vs. iPhone 5

TI99/4A iPhone 5 Differenz
Arbeitsspeicher 16 kB 1 GB 65536 x größer
Prozessortakt ≈ 3 MHz ≈ 1 GHz 333 x schneller
Blidschirmgröße 256×196 Pixel 1136 × 640 Pixel

Meilenstein

Für mich war der TI99/4A trotz aller Widrigkeiten der Einstieg in die IT. Ich war angefixt. Meine ersten Progrämmchen lernten auf ihm das Laufen und gerade seine Unzulänglichkeiten waren es wohl, die den Wunsch nach einem „richtigen“ Computer weckten. Aber für den musste ich noch viele Kilometer Rasen mähen…

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  3 Antworten zu “Der lange Weg zum Blog #1”

  1. Seufz … Da ist sie wieder, die nostalgische Stimmung … Mein erster Computer war ein Atari ST mit 8 MHz. der nächste war dann schon doppelt so schnell!

    Ich hab den nur wegen des MIDI-Interfaces gekauft, denn damit (und der passenden) Software konnte man bereits richtig Musik produzieren. Audio war allerdings erst viel später möglich.

    Wenn man sich heute mal anschaut, was man im Vergleich zu damals mit einem iPad „entfesseln“ kann, reibt man sich verwundert die Augen (aber nur, wenn man das „früher“ miterlebt hat).

    Wahnsinn, was für kreative Möglichkeiten heute schon mit vergleichsweise kleinen Maschinen möglich sind!

    • Atari ST und MIDI Schnittstelle.
      Ich erinnere mich auch, dass die damals bei Musikern absolut erste Wahl waren.
      DX7 und ontop ein ST, eine Ikone dieser Zeit…

      • Ja, den DX7 hatte ich auch. Später den TX816 und anschließend SY77 und TG77. Das 19-Zoll Rack war irgendwann voller Equipment und bei Dunkelheit war das eindrucksvoll anzusehen – all die bunten und blinkenden Lämpchen.

        Alles längst vergangen. Das ganze Geraffel gibt’s inzwischen für minimales Geld in oft besserer Qualität virtuell im Rechner. Alles automatisierbar und aus dem Stand mit tausenden von Sounds. Keine winzigen Displays mehr, sondern (bei Bedarf) schön sortiert auf dem heimischen 27-Zoll iMac.

        Musikproduktion hat sich innerhalb weniger Jahre echt drastisch verändert. Fotografie allerdings auch.

        Was wohl noch so kommt? Spannend.

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