Der lange Weg zum Blog #2

 Veröffentlicht von am 06.03.2014
Mrz 062014
 

Was ist eine Floppy? Warum braucht man dafür einen Locher? Was hat das Ganze mit Brotkästen zu tun? Und geht Internet auch offline?
Teil 2 meiner Serie „Der lange Weg zum Blog“ klärt diese drängenden Fragen aus dem Jahre 1987.

der Brotkasten

Da stand er nun also, mein erster eigener Computer. Etliche Kilometer gemähten Rasens lagen hinter mir, außerdem unzählige Quadratmeter umgetopfter Geranien und Fleißiger Lieschen. Den Löwenanteil des Kaufpreises hatte ich durch einen Ferienjob in der Gärtnerei meiner Großeltern aufgebracht. Davon, dass der nächste Ferienjob dann schon an der Computertastatur stattfinden sollte, hätte ich zu dieser Zeit noch nicht mal zu träumen gewagt.

Der Commodore 64 gilt noch immer als einer der erfolgreichsten Homecomputer aller Zeiten. Hübsch war er nicht gerade. Sein halbrundes Gehäuse, unten Platine, oben Tastatur, sah schon irgendwie nach Tupper-Design aus und brachte ihm den Beinamen „Breadbox“ (Brotkasten) ein. Bei uns sagte man zu jener Zeit allerdings nur ehrfürchtig „64er“.

Auch wenn er 1987 schon wieder überholt war, war er damals das Lieblingsspielzeug der heranwachsenden IT- Generation. Das lag wohl kaum an den technischen Finessen der kleinen Kiste, denn sie war konsequent auf ein kostengünstiges Design getrimmt. Die Stärke des Gerätes lag allein in der Masse und Vielfalt der erhältlichen Software.

Viel besser als Lochkarte

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger hatte mein C64 auch einen richtigen Massenspeicher, die Datasette. Das war ein Bandlaufwerk, welches mit normalen Compact Kassetten arbeitete. Man spulte das Band an die richtige Stelle und konnte dann mittels LOAD „PROGNAME“,1,1 ein Programm in den Arbeitsspeicher laden. Auch das Abspeichern von selbst eingegebenen Programmen war möglich. Wenn die Datasette lud, tat sie das mit einem äußerst spektakulären Sound, denn sie verfügte über einen kleinen Lautsprecher, der das Laden der Daten hörbar machte. Das klang so: ♪♫♪♪♫♫ ». Unterm Strich eine langsame und auf Dauer nervige Prozedur.

Deshalb kam bei mir dann auch relativ schnell ein Diskettenlaufwerk hinzu, das legendäre VC1541. Damit wurde das Leben dann schon richtig komfortabel. VC1541 verwendete 5¼ Zoll Disketten, also diese wabbeligen Scheiben mit offenem Leseschlitz. Aufgrund der flexiblen Hülle, die leider zum Verknicken neigte, nannte man diese Art von Disketten auch „Floppy“. Ca. 160 kB Daten konnten auf den einseitig beschreibbaren Floppies gespeichert werden, das war nicht gerade üppig.

Und hier kommt der Diskettenlocher ins Spiel. Die Diskette verfügte auf der rechten Seite über eine quadratische Kerbe, die als Schreibschutz diente. Wollte man eine 5¼ Zoll Diskette gegen Überschreiben schützen, klebte man die Kerbe mit einem Papierstreifen zu. Wenn man die Diskette nun umdrehte und auf der gegenüberliegenden Seite ebenfalls eine Schreibschutzkerbe hineinschnitt, hatte man im Umkehrschluss eine beidseitig beschreibbare Floppydisk. Wohlgemerkt konnte man immer nur eine Seite zur Zeit benutzen, genau wie bei einer Schallplatte. Profis benutzen zum Schneiden der Kerbe ein Werkzeug, das ungefähr wie ein Tacker aussah und saubere Kerben schnitt, eben den Diskettenlocher.

ein richtiger Computer

64kB Arbeitsspeicher, Diskettenlaufwerk und ein alter, tragbarer Schwarzweißfernseher – fertig ist das persönliche Computersystem, was braucht man mehr? (Ok, ein Drucker wäre noch schön gewesen…)

Zum Programmieren brachte der 64er sein eigenes, eigentümliches BASIC mit. Mit dem konnte man tatsächlich kleinere Programme schreiben. Größere Projekte entwickelten sich allerdings schnell zu unübersichtlichen „Spagetticode“, denn außer Sprung- (GOTO) und Schleifenbefehlen gab es keine geeigneten Mittel, ein Programm zu strukturieren.

Viel besser war da die Sprache „Pascal“, die ich über meine damalige Schule bekam und die mich fortan ein Leben lang begleiten sollte. Mit Prozedur- und Funktionsblöcken ließen sich hier richtig gut strukturierte Codes stricken. Mit Pascal schrieb ich dann auch mein erstes wirklich „sinnvolles“ Programm, eine Implementation von „Schiffe Versenken“, bei der ein Spieler gegen den Computer antreten konnte.

Dank Herrn Dr. P., einem engagierten Lehrer unseres Gymnasiums, stand uns auch in der Schule eine Reihe 64er zu Verfügung. Er war es auch, der Informatik als Wahlfach anbot. 1987 war das noch ziemlich revolutionär. Das o.a. „Schiffe Versenken“ war meine Abschlussarbeit.

Während BASIC und Pascal vor allem auf der Textkonsole stattfanden, war mit der Sprache „Logo“ auch einfache Grafikprogrammierung möglich. Man konnte auf dem Bildschirm ein Dreieck, die sogenannte „Turtle“ spazieren schicken. Dabei hinterließ die Schildkröte Spuren, aus denen man mit den richtigen Befehlen komplexe Geometiren zaubern konnte.

Besser als Mac und PacMan

Ich geb‘s gerne zu, neben dem Stillen des „wissenschaftlichen“ Interesses, habe ich auch den Unterhaltungswert der kleinen Kiste sehr genossen. Für keinen anderen Rechner standen derartig viele Spiele zur Verfügung. Der Tausch von gekrackten Kopien „für Lau“ war damals Gang und Gebe. Technisch betrachtet waren die Spiele brillant. Zwar war der 64er im Vergleich zu damaligen PCs, oder den Atari Homecomputern ziemlich schmalbrüstig, aber Scharen motivierter Programmierer holten aus dem kleinen Rechner mittels Assembler auch das letzte Quäntchen an Leistung heraus.

Für den C64 gab es Spiele in einer technischen Güte, die für den wesentlich größeren MS-DOS PC erst Jahre später in vergleichbarer Qualität erhältlich sein sollten. Selbst Besitzer des schicken, teuren Apple Macintosh konnten da nur staunend auf die 64er Gemeinde blicken.

Besonders angetan hatten es mir Strategiespiele, wie z.B. „Pirates“, „Kaiser“, die Raumfahrtsimulation „Elite“, oder das legendäre „Hanse“, eine mittelalterliche Wirtschaftssimulation. Die konnte man nicht nur alleine, sondern auch in Gruppen spielen. Die durchgespielten Wochenenden mit Pizza, Chips und Freunden möchte ich wirklich nicht missen.

klassischer Konflikt

Natürlich gab es nicht nur 64er Fans, sondern auch echte Gegner der kleinen Kiste. Damit meine ich nicht besorgte Eltern, oder Pädagogen, sondern vor allem die Besitzer von Atari Heimcomputern… Zwischen den beiden Gruppen etablierte sich im Laufe der Jahre eine innige Feindschaft. Mit dem Erscheinen der Commodore Amiga (dem Nachfolger des 64ers) und der Atari ST Serie nahmen die dogmatisch und schrill geführten Diskussionen an Schärfe noch zu.

Liebe iOS und Android Fans, erinnert euch das an irgendetwas?

Und das Internet?

Lt. Wikipedia waren 1987 weltweit insgesamt 27.000 Rechner vernetzt, also gerade mal eine kleine Kleinstadt. Tim Bernres Lee hatte das World Wide Web noch immer nicht „erfunden“.

Der 64er jedoch beinhaltete aus meiner Sicht tatsächlich schon einen wichtigen Aspekt des Internets, nämlich die Idee der sozialen Netzwerke. Zwar war man i. d. R. noch nicht online verbunden, aber es existierte eine ausgeprägte Kultur des Tauschens digitaler Inhalte per Diskette, wobei neben Programmkopien auch aufwendig in Szene gesetzte Vorspannprogramme (die sog. „Demos“) die Runde machten. Letztere transportierten eingebettet in bunte Animationen auch Nachrichten der einzelnen Programmierergruppen, die aufeinander Bezug nahmen.

Das gemeinsame Spielen zeigte ebenfalls schon einige grundlegende Merkmale der digitalen Interaktion, auch wenn das „Netz“ nur aus zwei klapprigen Steuerknüppeln und einem Brotkasten bestand.

Äpfel und Commodores

Auch wenn es etwas unfair und technisch ungenau ist, Äpfel mit Heimcomputern zu vergleichen, ich tue es auch hier wieder, um die ungefähren Dimensionen zu veranschaulichen

Commodore 64 vs. iPhone 5

Commodore C64 iPhone 5 Differenz
Arbeitsspeicher 64 kB 1 GB 16384 x größer
Prozessortakt ≈ 1 MHz ≈ 1 GHz 1000 x schneller
Blidauflösung 320×200 Pixel 1136 × 640 Pixel

Message in a bottle

Damals durfte ich mich auch zum ersten Mal „Computer Frek“ nennen lassen. „Frek“ war die amateurhaft eingedeutschte Version von „Freak“ und wurde, bevorzugt ausgerechnet von den Leuten verwendet, die dann einige Jahre später verzweifelt um Hilfe bitten sollten, wenn Napster mal streikte.

Nachricht an alle, die sich Sorgen machten, dass der junge Mann vor dem Bildschirm vereinsamte:
Ich ging regelmäßig vor die Tür, ich machte meine erste Reise alleine mit meinem besten Freund rauf nach Skandinavien, ich fand Mädchen auf eine neue Art interessant.

Aber ja, es war noch ein verflixt langer Weg bis zur Blogsphere…

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  4 Antworten zu “Der lange Weg zum Blog #2”

  1. Sehr schöne Serie mit vielen Erinnerungen: PEEK, POKE und Sprites am Commodore 64 🙂

    SYS 64738 😉
    MiKa

    • Hallo MiKa,

      PEEKs und POKEs, ich erinnere mich auch noch gut daran. Damit haben wir die Elektoabteilungen der Kaufhäuser zum Blinken gebracht… 🙂

      PS: Die Roadmap für 2.7 habe ich heutemorgen in der Bahn gelesen und mich sehr gefreut!

  2. Ach – das waren noch Zeiten … wobei ich den „Brotkasten“ nie selbst besaß, dafür war mein Einstieg der CBM 8032 mit Doppelfloppy CBM 8050 (2 x 500 KB) sowie tsssssing-tssssing-tssssing Nadeldrucker (damals von Epson) mit Endlospapier. Der Vorgänger des 8032 („PET2001“) hatte noch ein eingebautes Datassettenlaufwerk (Kassettenrekorder) und eine englische Tastatur, bei der bei deutschem Zeichensatz die zu tauschenden Tasten mit Papieraufklebern aktualisiert wurden. Daran habe ich meine allerersten EDV-Fingerübungen gemacht.

    Ich habe gerade mal nachgesehen – ich besitze noch mehrere Spiele (tolle Dinge dabei) auf 5¼ Zoll Disketten und sogar noch einige selbst geschriebenen kommerzielle Programme sowie einige Branchensoftware. Und dann war da noch der Piezo-Lautsprecher, der scheußliche Töne von sich geben konnte, wenn man ihn aktivierte. Das alles konnte der Brotkasten schon viel besser.

    • Wenn Du mich fragst, die CBMs sahen so aus, wie ein „echter“ Computer aussehen sollte, finde ich. Um den 64er von der Commodore Business Serie abzugrenzen hatte der Hersteller, so wird kolportiert, die Spaltenbreite des Bildschirms beim Consumer Modell auf 40 Zeichen reduziert. Im Nachinein vielleicht keine besonders glückliche Entscheidung.

      Den Sound von Epson FX-80 udn LQ-200 habe ich auch noch gut in Erinnerung. Heute kaum noch vorstellbar, Bürodrucker mit Schallschutzhauben auszustatten, damals aber eine weise Maßnahme. Darauf werde ich im 3. Teil zurück kommen.

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