Kräne, Säulen und ein Museum

 Veröffentlicht von am 22.03.2015
Mrz 222015
 

Bildvergleiche über längere Zeiträume sind spannend. Bei der Hamburger Hafencity, die auf dem Gebiet des Großen Grasbrooks entsteht, reichen schon ein paar Jahre, um zu verstehen, wie umfassend und endgültig die Veränderungen im ehemaligen Hafengebiet sind.
Ich war sehr erfreut, als ich neulich im Fotoarchiv stöberte…

 

Säulengang

 

Säulen eines versunkenen Tempels ragen im Mai 2009 aus den schlammigen Wassern des Magdeburger Hafens in Hamburg. Bis ins Jahr 2005 sorgten die stabilen Gründungspfähle dafür, dass Hafenschuppen und Kaianlagen einen sicheren Stand im weichen Elbgrund hatten. Hier am Ostufer des 1872 eröffneten Magdeburger Hafens befanden sich u.a. Sammelschuppen für den Hannoverschen Bahnhof, der im gleichen Jahr in Betrieb ging.

Als diese Bilder 2009 entstehen, haben die Pfähle ihren Zweck schon lange erfüllt. Die Schuppen sind verschwunden, um Platz zu machen für den neuen Stadtteil „Hafenicty“. Auch für die „antiken“ Säulen ist die Zeit abgelaufen.

Heute, sechs Jahre später ist dieser Ort kaum wiederzuerkennen. Auf einer schicken Uferpromenade spaziert der Besucher zwischen der neuen Hafencity Universität und der historischen Speicherstadt. Statt an Kaianlagen und Schuppen führt der Weg nun vorbei an neuen Geschäfts- und Bürogebäuden in Backsteinoptik. Zwischen all den Neubauten zieht jedoch ein historisches Gebäude den Blick am ehemaligen Hafenbecken unweigerlich auf sich.

 

Kaispeicher B

 

Wie ein Fels in der architektonischen Brandung trotzt die markante Silhouette von Kaispeicher B der modernen Bebauung am Magdeburger Hafen. Das von Bernhard Hanssen und Wilhelm Emil Meerwein entworfene und in den Jahren 1878/79 errichtete Gebäude ist Hamburgs ältester erhaltener Hafenspeicher. Der neogotische Bau wirkt noch heute wie ein Prototyp für die zehn Jahre später errichtete Speicherstadt.

Auf neun Speicherböden wurde hier ein Jahrhundert lang Stückgut aller Art gelagert. Sogar ein Eisenbahngleis führte zeitweise direkt in das Gebäude.

Heute heißen die Speicherböden „Decks“ und beherbergen Stückgut ganz anderer Art, die Sammlung des Internationalen Maritimen Museums. Nach aufwendiger Sanierung und Umbau des alten Speichers wurde dort im Juni 2008 der Museumsbetrieb aufgenommen.

Die Frage, ob Hamburg dieses Museum braucht, wurde in den Anfangsjahren durchaus kontrovers diskutiert. So fiel die teure Sanierung durch die Stadt, welche Eigentümerin des Gebäudes ist, gerade in eine Zeit, als viele Hamburger Museen durch Etatkürzungen akut um ihren Bestand fürchten mussten.

Brauchen wir ein Maritimes Museum in Hamburg? Heute sieben Jahre später ist die Ausstellung an der Schnittstelle zwischen Speicherstadt und Hafencity eine feste Größe in Hamburgs Museumslandschaft geworden. Anstatt weitere trendige Büros zu beherbergen, ist der historische Bau der Öffentlichkeit zugänglich. Aus der ehemals privaten Sammlung von Peter Tamm ist im Laufe der Jahre ein moderner Museumsbetrieb mit interaktiven Elementen, wechselnden Programmen und Museumspädagogik geworden, der auch international Aufmerksamkeit findet.

Brauchen wir also das IMMH? Genauso kann man fragen: Brauchen wir eine Cap San Diego? Brauchen wir die Kunsthalle, das Altonaer Museum, die Rickmer Rickmers, das Hafen Museum, das Museum der Arbeit, die St. Georg, den Hafenbasar, das Planetarium, die MS Stubnitz, den Verkehrshistorischen Tag, oder die Elphi? Brauchen wir Theater, Musicals, Lesungen und Konzerte?

Die Frage, ob Kultur und Kunst sich lohnt, kann jeder nur für sich beantworten (eine schöne Meinung dazu habe ich neulich bei WW gelesen). Es gibt Dinge im Kulturangebot, die mich weniger ansprechen, oder gar nicht interessieren, andere genieße ich und freue mich, dass sie da sind. Das IMMH gehört zu letzterer Kategorie.
Meiner Meinung nach brauchen wir in Hamburg noch viel mehr Investitionen im Bereich der Museen. Gut vernetzte Kultureinrichtungen sind keine Konkurrenten, sondern Multiplikatoren. Das IMMH ist dabei für Hamburg mittlerweile ein wichtiger Baustein.

 

Quartiere

 

Die Fotos in diesem Bericht habe ich 2008 und 2009 gemacht. Ich veröffentliche sie hier mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits macht es mich schon etwas melancholisch, zu sehen, wie der alte Hafen mit seinen Kais, Kränen und Schuppen für immer verschwindet, andererseits finde ich den Wandel auch sehr spannend. Besonders faszinieren mich dabei die Orte, die sich im Zwischenstadium befinden. Die alte Funktion lässt sich noch erkennen, das Neue wirft bereits seine Schatten voraus. Spannend!

Nachdem die alte Bebauung abgebrochen ist, öffnen sich plötzlich Blickachsen. Geografische Bezüge werden für eine kurze Weile sichtbar, bevor neue Gebäude die Sicht wieder begrenzen. Im letzten Sommer wurden für kurze Zeit die alten Fundamente des ehemaligen Hannoverschen Bahnhofs freigelegt und offenbarten einen interessanten Blick in die Vergangenheit des Großen Grasbrooks.

Aufzuhalten ist der Wandel nicht. Für den Containerumschlag, der heute den Hafenbetrieb bestimmt, sind die Anlagen im Osten des Hamburger Hafens zu klein. „Hafencity“ lautet die Antwort der Stadt. Im Laufe der nächsten Jahre wird der Bereich bis zu den Elbbrücken Meter für Meter in neue Stadtteile umgebaut. „Quartiere“ sagt man in Hamburg, auch wenn die neuen Büro- und Wohnviertel wenig mit den alten Arbeiterquartieren gemein haben werden.
Was vom alten Hafen bleibt, ist die Erinnerung und das, was wir dokumentieren.

Was tun noch mal Museen…?

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