über die Insel

 Veröffentlicht von am 24.07.2014
Jul 242014
 

Seit 2013 gibt es in Hamburg Wilhelmsburg einen sogenannten Freizeitweg, den „LOOP“. Als eine Mischung aus Rad- und Fußweg führt er von der Veddel in Richtung Süden und beschreibt dort im Herzen Wilhelmsburgs eine große Schleife. Ein Rundkurs für Spaziergänger, Jogger, Radfahrer und Skater, die hier abseits des Autoverkehrs ungestört ihre Runden drehen können. Soweit die Theorie.

Quadratur der Schleife

Wir beginnen die Fahrt auf dem „LOOP“ an der S-Bahnstation Veddel. Hier gibt es eine StadtRAD Station, außerdem ist hier auch eine Verbindung mit der Tour „Quer durch den Hafen“ möglich.

Vier blaue Quadrate symbolisieren den „LOOP“ und sind in kurzen Abständen am Rand des Weges in Asphalt und Pflaster eingelassen. Hat man sie einmal gefunden, ist es kaum möglich, den weiteren Weg zu verfehlen. Doch zunächst einmal gilt es, den Anfang zu finden.

Der liegt an der Westseite der Veddeler Straße zwischen der S-Bahnstation und dem Auswanderermuseum. Nach Unterquerung der Bahnbrücke schwenkt die Strecke in einen schmalen Grünstreifen, der zwischen der Autobahn und Kleingärten verläuft. Hier begegnet uns auch gleich das erste Auto. Der Weg, der hier als Fahrradstraße deklariert ist, fungiert zugleich auch als Zufahrt zu den Gärten.

Unvermeidlich ist die Unterquerung der neungleisigen Bahnmagistrale. Der Weg verläuft hier direkt neben der A252. Dies ist mit Abstand der ungemütlichste Teil der ganzen Strecke, der aber schnell passiert ist. Schon wenig später wird man dafür mit einem wunderbaren Blick auf den Ernst-August-Kanal entschädigt.

Von dort aus führt der „LOOP“ zwischen dem Damm der Wilhelmsburger Reichsstraße und den Parzellen des Kleingartenvereins „Unsere Scholle“ fast schnurgerade Richtung Süden. Auch hier dient der Weg als Zufahrt zu den Kleingärten. Gerade am Wochenende fungiert der Wegrand so auch als Parkstreifen. Es zeigt sich mal wieder das Dilemma um die knappe Ressource „Platz“ im Stadtraum.

Nach einer Weile wird der Weg von einem Gewässer namens „Rathauswettern“ begleitet. Der Begriff „Wettern“ deutet auf die ursprüngliche Funktion als Entwässerungskanal hin.

Anfang der 2010er Jahre wurde der gesamte Bereich östlich und westlich der Reichsstraße massiv umgestaltet. Zwei Großprojekte, die Internationale Bauausstellung (IBA) und die Internationale Gartenschau (IGS) haben das Zentrum Wilhelmsburgs mit großem Aufwand in eine parkartige Landschaft verwandelt. Dazu am Ende dieses Artikels noch ein paar Worte. Auch der „LOOP“ ist ein Kind dieser Gestaltungsmaßnahmen.

Letzterer teilt sich am Teich vorm Rathaus. Richtung Osten geht es durch den Tunnel unter der Reichsstraße direkt zum IBA/IGS Gelände und zum Bahnhof Wilhelmsburg. Wir fahren jedoch in die entgegengesetzte Richtung ins westliche Wilhelmsburg.

Hier am Rathaus befindet sich auch eine StadtRAD-Station. Zwei weitere gibt es wenige hundert Meter entfernt auf der anderen Seite der Reichsstraße am Inselpark und am S-Bahnhof. Es sind derzeit (2014) die drei südlichsten Entleihstationen Hamburgs.

Wir bleiben jedoch auf der Westseite der Reichsstraße und folgen dem „LOOP“ auf dem Gert-Schwämmle-Weg durch die Wohngebiete des Reiherstiegviertels Richtung Westen. Bis zur Georg-Wilhelm-Straße ist der Weg auch Teil der Veloroute 11. Mit der Georg-Wilhelm-Straße und der Veringstraße werden zwei vielbefahrene Hauptstraßen im Wilhelmsburger Westen gequert. Hier haben natürlich die Autos Vorrang. Beide Querungen erfolgen ohne Ampeln und Zebrastreifen.

Kurze Zeit später passieren wir den Veringkanal und wechseln von den Wohnvierteln ins Industriegebiet am Reiherstieg. Blickt man von der Brücke nach Norden, erkennt man in der Ferne Michel und Fernsehturm. Auf der anderen Seite des Kanals dominieren Schuppen und Lagerplätze, Containerstapel, Industriebauten und Hafenbahngleise die Landschaft.

Der Veringkanal ist ein 1,7 km langer Stichkanal der ausgehend von der Schleuse am Reiherstieg, den Stadtteil von Süd nach Nord durchzieht. Heute siedelt hier eine Mischung aus Gewerbe und Kulturstätten. Bekannt ist die Honigfabrik am Nordende des Kanals. Eine alte Industriehalle am Westufer war Drehort für den Film „Soul Kitchen“.

Wir folgen der Industriestraße nach Süden, vorbei an riesigen Containerstapeln und biegen dann auf die Straße „Bei der Wollkämmerei“ nach Nordwesten ab. Hier liegt ein großes Brachgelände, auf dem seit 2007 regelmäßig das Dockville Festival stattfindet.

Die alte Industrielandschaft am Reiherstieg wird durchbrochen von modernen Parkanlagen, die der Landschaft teilweise einen unwirklichen Charakter verleihen.
Das kommt nicht von ungefähr, denn im Zuge von IBA und IGS wurde hier am Reiherstieg ein Bootsanleger gebaut und die Wegstrecke zum IGS Gelände entsprechend schmuck gestaltet. Die Gartenschau sollte ganz hamburgisch auch per Barkasse erreichbar sein. Ein Plan, der nur teilweise aufging.

Der Reiherstieg ist ein rund 7 km langer Flussarm der Elbe, der im Süden Wilhelmsburgs an der Hohen-Schaar beginnt und auf Höhe der Landungsbrücken in die Norderelbe mündet. Er ist auf ganzer Länge schiffbar. Früher, wie heute sind hier zahlreiche Hafenbetriebe angesiedelt.

Wir fahren einige hundert Meter am Ufer entlang und erblicken die vielleicht spektakulärste Brücke der Strecke. Auf gut 50 Metern Länge überspannt der Neubau aus dem Jahre 2012 die Einmündung des Veringkanals in den Reiherstieg. Die weiße, geschwungene Brücke mit dem markanten Stahlgitter würde man eher in der Hafencity vermuten. Auch sie ist Teil der Strecke zur IGS und steht in scharfem Kontrast zu ihrer betagten Nachbarin.

Die stammt aus dem Jahre 1896. In jenem Jahr wurde der Veringkanal eröffnet. Um ihn von der Tide des Hafens unabhängig zu machen wurde die Veringschleuse gebaut. 2007 erhielt sie neue hölzerne Tore, die in Holland nach den Originalen angefertigt wurden. Den Flutschutz übernimmt allerdings seit langem ein Sperrwerk direkt an der Kanalmündung, denn dafür ist die Schleuse zu niedrig.

Die letze Etappe des „LOOP“ führt von hier aus ostwärts an Containerplätzen und Hafenbahngleisen entlang und endet nach erneuter Querung der Georg-Wilhelm-Straße am Inselpark. So heißt das ehemalige IGS Gelände heute offiziell. Wilhelmsburg = Insel, soweit so klar.

Von hier aus kann man entweder schnurgeradeaus weiter fahren und landet dann nach kurzer Fahrt wieder am Wilhelmsburger Rathaus, oder man dreht noch eine Runde durch den Inselpark. Letzteren hat Brücken-Bloggerin „Kurzundknapp“ auf ihrem Blog schön portraitiert.

Ich selbst biege an diesem Tag jedoch nach Süden ab. Auf der Georg-Wilhelm-Straße geht es ganz profan weiter auf einem Fahrradstreifen auf der Straße. Doch davon ein andermal mehr.

Fazit

Fahrradtechnisch betrachtet ist der „LOOP“ viel besser als vieles, was man in Hamburg an Radwegen gewohnt ist. Von einer Fahrradschnellstraße ist er allerdings weit entfernt. Zu häufig ist auf Teilstrecken doch PKW Verkehr unterwegs, ein Abschnitt verläuft auf einem viel zu schmalen Gehweg, die Querungen der Wilhelmsburger Hauptstraßen sind nicht abgesichert, auf Teilbereichen gibt es (lt. Ausschilderung) keinen Winterdienst.

Nichtsdestotrotz ist der „LOOP“ ein wunderbarer Rundkurs. Dank durchgehender Asphaltierung und wenig Gefälle ist er auch als Skate-Strecke brauchbar.
Bleibt noch abzuwarten, wie gut der Weg zukünftig unterhalten wird, jetzt, da IBA und IGS-Rummel Geschichte sind. Dieser Aspekt betrifft im Übrigen nicht nur den „LOOP“, sondern auch zahlreiche weitere Überbleibsel der beiden Großveranstaltungen.

Liest man ein wenig, so findet man recht schnell heraus, dass längst nicht alle Wilhelmsburger mit dem Wandel in ihrem Stadtteil einverstanden sind.
Gerade die IGS bescherte dem Stadtteil Abholzungen, Abbruch von Kleingärten und Einzäunung von vorher offen zugänglichen Räumen. Manche der IBA und IGS Projekte wirken so dann auch wie künstliche Implantate, andere sind recht gelungen. Zu letzteren würde ich auch den „LOOP“ zählen. Als Radweg ist er ein größtenteils gelungener Kompromiss, Gestaltung und Markierung der Wege heben sich jedoch deutlich von anderen Strecken ab. Die Tour selbst bietet viele schöne Eindrücke und Ausblicke.

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